Deutsches Atlantikwall-Archiv

Frankreich

 

Zurück
Bray-Dunes
Hardelot
Obere Normandie
Seinemündung
Normandie heute
Sword
Juno
Gold
Omaha
Vire-Mündung
Utah
Cotentin Ost
Cherbourg
Cotentin West
PzWerk Varde
Cap Fréhel
Kermorvan
UBB Brest
UBB Lorient
Kernevel
Lorient Zentrum
Morbihan
UBB St. Nazaire
La Pallice Nord
UBB La Pallice
Le Verdon
UBB Bordeaux
Cap Ferret

Der Atlantikwall in Frankreich

Stand 04.10.2015

Im Gegensatz zu Belgien kann man in Frankreich noch etliche Reste des Atlantikwalls finden. Der am stärksten befestigte Abschnitt war der Pas de Calais zwischen der belgisch-französischen Grenze östlich von Dünkirchen bis nach Boulogne.
 
HKB Inglevert, R 669 An der engsten Stelle des Ärmelkanals gelegen, erwartete man hier die alliierte Landung und installierte dementsprechend viele Stützpunkte, nicht nur an Stränden und hervorspringenden Kaps, sondern auch im Hinterland.

Im Bereich der Hafenstädte Dünkirchen, Calais und Boulogne wurden die meisten Bauwerke mittlerweile entfernt. Vor allem an den Strandpromenaden und in den Häfen erinnert nichts mehr an die flächendeckende Bebauung mit Verteidigungsanlagen. Immerhin, die flankierenden Seezielbatterien sind meistens noch vorhanden und werden punktuell, wie das Beispiel der Batterie Crêche zeigt, von Vereinen betreut, die sich der Erhaltung der Bauwerke verschrieben haben.
 
Die dazwischen liegenden Küstenabschnitte waren jedoch so stark befestigt, daß der Besucher auch heute noch viele intakte Bunker finden kann. Insbesondere im Umfeld von Gravelines und um die beiden Kaps Blanc Nez und Gris Nez wimmelt es förmlich von Befestigungsanlagen.

 Ambleteuse, R 629 in der Slack-Mündung

 
Fort Mahon, Seeseite

Die Strände nördlich und südlich von Boulogne werden im Zuge von Säuberungsarbeiten mehr und mehr für den Festungsforscher uninteressant. Dagegen findet sich bei einem Besuch des Hinterlandes noch so manches Schätzchen, von den zahlreichen Eisenbahn- und Heeresküstenbatterien einmal abgesehen.

 

Die Strände der Picardie lagen ebenfalls nicht weit von England entfernt und im Gegensatz zu den häufigen Steilküstenabschnitten im Bereich zwischen Boulogne und Calais wäre hier eine alliierte Landung immer noch denkbar gewesen, weil die Landeverhältnisse für kleine Schiffseinheiten recht günstig waren. Viele Bauwerke, ja, ganze Stützpunkte und Batterien, wurden erst in den letzten 20 Jahren entfernt. Hier wäre also bei Fahrten längs der Küste ein Schwerpunkt zu setzen, bevor die noch vorhandenen Bauwerke ebenfalls geräumt werden.
Im Hinterland wurden Dutzende V1-Stellungen installiert.
 
Die Obere Normandie wurde militärhistorisch vor allem durch den Raid auf Dieppe bekannt. Dabei erlitten die Kanadier höchste Verluste durch das schnelle Eingreifen deutscher Reserven, die im unmittelbar angrenzenden Hinterland stationiert waren.
Es wurde ein Pyrrhus-Sieg für die Deutschen, die von nun an glaubten, die Alliierten müßten für ein noch größer angelegtes Landeunternehmen über eine(n) intakte(n) Hafen(stadt) verfügen.

Ste. Marguerite - abgekippter R 622

Infolgedessen wurden zwar Le Havre und Cherbourg festungsmäßig gesichert, die weiten Strände Frankreichs jedoch relativ dazu vernachlässigt. Gleiches galt für die Normandie. Noch einigermaßen in nutzbarer Distanz zu England gelegen, beschlossen die Alliierten, in der Seine-Bucht ihren Angriff auf Westeuropa durchzuführen. Der Bereich der südlichen Seine-Bucht bis nach Cherbourg wird daher durch die alliierten Landungsstrände SWORD, JUNO, GOLD, OMAHA und - von der Vire-Mündung unterbrochen - UTAH charakterisiert. Hier dürfte sich wohl die größte Konzentration von Militärmuseen zu einer gleichen Thematik befinden. Es ist daher kaum verwunderlich, daß sich hier die meisten Militärtouristen in Frankreich tummeln. Die französische Administration tut ein übriges dazu und vernichtet Dekade für Dekade ein Stück naturbelassene Normandie.
 

 Entspannung bei Bunkertouren - der Hafen von Port-en-Bessin Landeabschnitt GOLD - Bauwerksreste bei Ver-sur-Mer

Da der Pas de Calais mit Dünkirchen, Calais und Boulogne als Ausschiffhäfen als Hauptlandezone angenommen wurde, war im Juni 1944 der Atlantikwall in der Normandie längst nicht fertiggestellt. Es wurde jedoch mit Hochdruck daran gearbeitet, diesen Mangel im Calvados und vor allem an der Ostküste des Cotentin auszugleichen, da man mit der Normandie immerhin sekundär als mögliches Landegebiet rechnen mußte. Schließlich boten sich hier Le Havre und Cherbourg als leistungsfähige Hochseehäfen an. Dem Reisenden fällt die hektische Bautätigkeit durch die Vielzahl unfertiger oder behelfsmäßiger Bauwerke vor allem an den britischen Landungsstränden auf, währenddessen die Seefronten von Le Havre und Cherbourg einigermaßen gut mit Artillerie bestückt waren.

Die Westküste des Cotentins ist durch den großen Tidenhub der Bucht von St. Malo denkbar ungeeignet für eine Landung. Dementsprechend gering ist der Durchsatz an Befestigungsanlagen. Lediglich die beiden größeren Hafenstädte Carteret und Granville wurden - mehr schlecht als recht - gegen Kommandounternehmungen gesichert. 

 
Die nächsten Anlagen findet man wieder rund um St. Malo, dessen Besatzung den US-Truppen längere Zeit Widerstand leistete und damit den amerikanischen Truppen den weiteren Vormarsch in Richtung Brest verzögerte. Fort de la Latte östlich vom Cap Fréhel

Vor allem Teile der 77. Infanteriedivision unter Oberst Bacherer im Verbund mit Festungsstammeinheiten hielten längere Zeit nicht nur an der Landfront bei Cancale und Dinard stand, sondern verteidigten auch ihre Panzerwerke an den taktisch wichtigen Punkten rund um die Festung, bis sie - zuletzt in der Zitadelle von St. Servan zusammengedrängt - letztendlich doch kapitulieren mußten.
  
Von Touristen kaum 'heimgesucht' werden die Anlagen, die sich in der nördlichen Bretagne bis nach Brest, vor allem rund um die Hafenstädte finden. Es handelt sich hierbei meistens um kleinere Batterien, Funkmeßstützpunkte und Infanteriestellungen. Eine solche befindet sich auf der Pointe de Kermorvan.

Carantec - perfekt eingepaßter R 612

Die südliche Bretagne wartet mit ihren U-Bootstützpunkten Brest, Lorient und St. Nazaire auf, die vor allem seeseitig stark gesichert waren. Entsprechend ihrem frühen Status als Festungen wurden alle drei Städte auch gegen Luftangriffe gesichert. Hier kamen etliche schwere Flugabwehrabteilungen zum Einsatz, deren Leittürme vor allem in St. Nazaire sehenswert sind.

Die Spezialität von Brest ist die Nutzung alter und die Anlage neuer Hohlgangssysteme, deren Zugänge an den Steilufern des Hafen-, des Werftgeländes und des Penfeld liegen. Fast alle diese Hohlgangsanlagen sind heute noch in Nutzung durch das frz. Militär und somit für die Öffentlichkeit gesperrt.

Lorient als Sitz des BdU (Befehlshaber der U-Boote auf der Halbinsel Kernevel) wurden infrastrukturell andere Prioritäten zuteil. Hier war das Befehlszentrum für die Schlacht im Atlantik mit den vielen unterschiedlichen untergeordneten Dienststellen, die alle gegen Luftangriffe bombensicher untergebracht werden mußten und sich in der ganzen Stadt verteilten.

 In der Reede von Brest - Fort de Bertheaume

Auch die Zwischenräume wurden von mehr oder weniger großen Stützpunkten gedeckt, je nachdem, wie günstig Landebedingungen angenommen wurden. So gibt es südlich von Brest zwei große Buchten, die ideal für Anlandungen sind und die entsprechend geschützt werden mußten. Südlich von Quimper und Vannes im Morbihan jedoch sind die geeigneten Strandabschnitte so klein, daß hier bis auf wenige Heeresbatterien noch nicht einmal Artillerie positioniert war.

Die Vendée besitzt zwar hervorragend für Anlandungen geeignete Strandabschnitte, war aber strategisch gesehen von nicht großer Bedeutung. Außerdem war der Anmarschweg alliierter Landungstruppen von Großbritannien aus nicht nur weit entfernt, sondern von den U-Flottillen der Atlantikstützpunkte flankierend gedeckt. Der Ausbau des Atlantikwalls beschränkt sich hier auf stranddeckende Widerstandsnester.
 

Am Strand von Les Sables d'Olonne - R 667 Nördlich von La Pallice - Ringstand in der Steilküste

Festungstechnisch interessant ist dann wieder die Festung La Rochelle. Neben der üblichen Seefront (hier unterteilt in einen Nord- und einen Südabschnitt), einer stellenweise recht gut ausgebauten Landfront und den Stützpunkten rund um die U-Boot-Basis La Pallice, zeichnet sich die Festung vor allem durch die Eingliederung der beiden Inseln Ré und Oléron in das Verteidigungsdispositiv aus. Die Festung La Rochelle bildet so eine der größten Atlantikfestungen.
 
Festungstechnisch ist die Île de Rè die interessantere, familienfreundlicher dagegen sind die Badestrände auf der Oléron.
 
R 627 bei St. Denis / Oléron
V 206 an der Nordspitze von Oléron R 669 bei St. Denis / Oléron

Bis zur südlich anschließenden Festung Gironde Nord besteht die Landschaft hauptsächlich aus dem Mündungsdelta der Charente und anderer Flüsse mit einigen kleinen vorgelagerten Inselchen.
 
War dieses Zwischengelände beiderseits der Charente zur Zeit Richelieus noch heiß umkämpftes Terrain, verlandeten die Häfen - vor allem der von Rochefort - im Laufe der letzten Jahrhunderte zusehends. Château d'Oléron, Hafen
Hiers Brouage, Nordtor

Übrig blieben etliche Forts und befestigte Plätze, die sich heute malerisch in das Küstenbild einfügen. 
Auf dem Festland schützten befestigte Städtchen (Hiers Brouage) wichtige Verkehrsknotenpunkte.

Einige Inseln (Aix) und Inselchen (Ile Madame) können durchaus als Festungen älterer Epochen angesehen werden. Heute sind sie quasi Freilichtmuseen für Freunde älterer Festungsanlagen. Das Fort Chapus ist bei Ebbe auch zu Fuß erreichbar

Im II. Weltkrieg konnte man, im Gegensatz zu früheren Epochen, größtenteils darauf verzichten, das Terrain mit Ständigen Anlagen auszurüsten. Man sah die Gegend als nicht landegefährdet an und die Bucht zwischen La Rochelle und Ronce-les-Bains wurde durch die Batterien auf Ré und Oléron auch hinreichend gedeckt.

R 671 Fort SuzacDie nächsten Massierungen von Atlantikwallbauwerken finden sich daher erst wieder beiderseits der Gironde-Mündung. Die beiden Gironde-Festungen Nord (Royan) und Süd (Le Verdon) schützten die Mündung der Gironde und sperrten damit die Zufahrt zur U-Boot-Basis Bordeaux.



Bis hinunter nach Biarritz sind es von der Gironde-Mündung aus knapp 300 km Strand, nur einmal unterbrochen durch das Bassin von Arcachon.
Alle paar Kilometer führt eine Stichstraße zum Meer und damit zu einem meist recht jungen Ferienort (meistens mit dem Anhang ...-Ocean oder ...-Plage zum Namen des binnenlands liegenden Hauptortes bezeichnet), dessen ehemalige Strandzufahrt in der Regel durch ein nördlich und südlich flankierendes Widerstandsnest gesichert wurde.

Warum dann bei Biarritz wieder eine Massierung von schwerer Artillerie, verbunden mit den notwendigen Bauwerken, stattfand, scheint jeglicher strategischer Grundlage zu entbehren.

R 612 an der aquitanischen Küste

 

Zur Vertiefung:

[1] DAWA Sonderband   5 - Die 5 cm Kampfwagenkanone im Atlantikwall  (Neuauflage in Farbe!)
[2] DAWA Sonderband 10 - Die Regelbauten des Heeres im Atlantikwall
[3] DAWA Sonderband 13 - Panzersperren und andere Hindernisse
[4] DAWA Sonderband 17 - Militärmuseen in Frankreich
[5] DAWA Sonderband 30 - Bildband Heeresregelbauten, Teil 1
[6] DAWA Sonderband 31 - Bildband Heeresregelbauten, Teil 2

   

Willkommen ] Zurück ] Bray-Dunes ] Hardelot ] Obere Normandie ] Seinemündung ] Normandie heute ] Sword ] Juno ] Gold ] Omaha ] Vire-Mündung ] Utah ] Cotentin Ost ] Cherbourg ] Cotentin West ] PzWerk Varde ] Cap Fréhel ] Kermorvan ] UBB Brest ] UBB Lorient ] Kernevel ] Lorient Zentrum ] Morbihan ] UBB St. Nazaire ] La Pallice Nord ] UBB La Pallice ] Le Verdon ] UBB Bordeaux ] Cap Ferret ]

Stand: 17. Dezember 2016

Impressum
Harry Lippmann, Schmittgasse 151, D - 51143 Köln  - Telefon: (02203) 87818
Harry.Lippmann@deutschesatlantikwallarchiv.de